In der folgenden Darstellung soll die Notwendigkeit der Einsatzgrundzeit von 8 Minuten erläutert werden, aus der sich die Existenz und der Fortbestand von örtlichen Feuerwehr- einheiten ableitet.
Der Eintritt von Schadens und Gefahrenlagen erfordert das unverzügliche Einleiten wirksamer Hilfe, die grundsätzlich von den beiden Faktoren Schnelligkeit und Schlagkraft abhängig ist.

1) Anforderung an die "Schnelligkeit":
Der Zeitraum zwischen der Brandentstehung und dem Wirksamwerden der Einsatzmaßnahmen sollte möglichst kurz gehalten werden.

2) Anforderung an die "Schlagkraft":
Der Einsatzwert (Mannschaftsstärke, Ausrüstung, Ausbildung und Motivation) der zuerst an der Einsatzstelle eintreffenden örtlichen Feuerwehreinheit hat den zu erwartenden örtlichen Gefahren und Risiken zu entsprechen.
Der "Schnelligkeit" kommt eine besondere Bedeutung zu. DIN 14011 -9 definiert als Hilfsfrist für den abwehrenden Brandschutz:
Hilfsfrist ist die Zeit zwischen dem Entdecken eines Schadensereignisses und dem Wirksam- werden der befohlenen Maßnahmen.
Die Hilfsfrist setzt sich zusammen aus:Meldezeit Alarmierungszeit Ausrückzeit Anmarschzeit Erkundungszeit und Entwicklungszeit Die in Rheinland Pfalz durch die Feuerwehrverordnung eingeführte Grundzeit darf nicht mit der Hilfsfrist nach DIN 14011 -9 verwechselt werden.
Die Einsatzgrundzeit ist ein Teil der Hilfsfrist und umfasst lediglich die Ausrückzeit und die Anfahrtszeit alarmierter Einheiten.
Die Ausrückzeit und die Anfahrtszeit sind für eine örtliche Feuerwehreinheit in ihrem Ausrückbereich als konstant zu betrachten und fallen in den Zuständigkeitsbereich und Verantwortungsbereich des kommunalen Aufgabenträgers des örtlichen Brandschutzes, in der Regel in den der Verbandsgemeinde.
Gegenwärtig beträgt die durchschnittliche Ausrückzeit einer Freiwilligen Feuerwehr etwa 4 min, sodass für die Anfahrzeit ebenfalls 4 Minuten verbleiben.
Die Einsatzgrundzeit von 8 Minuten zwischen der Alarmierung und dem Eintreffen an der Einsatzstelle ist nicht willkürlich festgelegt worden; sie ergibt sich vielmehr aus dem chemisch physikalischen Prozess des Brandverlaufes.
Drei Zeitspannen sind dabei von besonderer Bedeutung:

17 Minuten nach Brandausbruch wird die Überlebensgrenze bei einer Kohlenstoffmonoxyd Vergiftung erreicht.

18 Minuten nach dem Brandausbruch erfolgt der sogenannte "Flash over" oder "Feuerübersprung" mit diesen Begriffen wird das schlagartige Durchzünden eines thermisch aufbereiteten Brandraumes beschrieben. Unterstützt von einem plötzlichen Sauerstoffzutritt, zum Beispiel durch geplatzte Fensterscheiben oder das Öffnen von Türen entzünden sich dann die Schwelgase, wobei eine besondere Gefahr für die Einsatzkräfte besteht.

30 Minuten nach dem Feuerübersprung versagen in der Regel Bauteile, an die keine besonderen Anforderungen gestellt werden, d.h. sie verlieren ihren Widerstand oder Ihre Standsicherheit. Die Brandausbreitung oder der Einsturz können dann als Folgen auftreten, wobei die im Innenangriff unter Pressluftatmern vorgehenden Feuerwehrangehörigen besonders gefährdet würden.
Diese kritischen Zeitwerte sind aus praktischen Erfahrungen sowie aus wissenschaftlichen Untersuchungen gewonnen worden und können somit als Durchschnittswerte betrachtet werden.
Nur mit einer Einsatzgrundzeit von 8 Minuten liegt die Hilfsfrist zwischen 15 und 20 Minuten, sodass die Feuerwehr in der Regel vor den zeitkritischen Werten eintrifft. Nur durch eine Einsatzgrundzeit von 8 Minuten ist es also möglich, bei Brändenden in Not Geratenen vor einer Rauchgasvergiftung (Kohlenstoffmonoxyd Vergiftung) zu retten,ein Schadenfeuer vor der Durchzündung (Flash over) in der Entstehungsphase wirksam und ungefährdet zu bekämpfenbei einem Vollbrand innerhalb einer halben Stunde relativ ungefährdet die Brandbekämpfung durchzuführen.

Was geschähe, wenn die Einsatzgrundzeit über 8 Minuten ausgedehnt werden würde?

1) In den meisten Fällen wäre keine erfolgreiche Menschenrettung durch die Feuerwehr mehr möglich. In der Regel könnte dann die Feuerwehr lediglich die Leichen der betroffenen Bergen, die bereits vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte an einer Kohlenstoffmonoxyd Vergiftung gestorben sind, die Anzahl der Brandtoten würde sich also erhöhen.
In Großbritannien mit einer hauptberuflichen Feuerwehrorganisation und einer Einsatzgrundzeit auf dem Land von 20 Minuten gibt es beispielsweise viermal so viel Brandtote wie in Deutschland.

2) Ein Schadenfeuer könnte in der Regel nicht mehr vor dem Flash Over auf seinen Entstehungsort begrenzt werden. Mit dem Totalverlust einer Wohnung oder gar eines Wohnhauses müsste grundsätzlich gerechnet werden.

3) Die mit Pressluftatmern vorgehenden Angriffstrupps der Feuerwehr würden in verstärktem Maß einer Gefährdung durch den "Feuerübersprung" ausgesetzt werden, da sie erst kurz vor diesem kritischen Zeitpunkt des Durchzündens an den Brandherd gelangen würden.

4) Bei einem Vollbrand wäre öfter mit dem Versagen der einzelnen Bauteile und der Gesamtkonstruktion hinsichtlich Feuerwiderstand und Standsicherheit zu rechnen. Dabei würden die Einsatzkräfte gegebenenfalls auch durch Einsturz bedroht werden.

5) Durch die Verlängerung der Einsatzgrundzeit könnte auch eine Auflösung örtlicher Feuerwehreinheiten erfolgen. Diese Auflösung hätte wiederum eine stärkere Belastung der größeren, so genannten Stützpunktfeuerwehren zur Folge, die personell tagsüber auch nicht mehr so stark besetzt sind. Diese stärkere Belastung wiederum würde zu, einer Überlastung der dortigen freiwillig ehrenamtlichen Helfer und letztlich deren ausbluten führen, sodass die Einstellung hauptberuflicher Kräfte unvermeidlich wäre. Bereits heute haben ehrenamtliche Feuerwehrangehörige, die wegen Einsätzen häufiger die Arbeitsstelle verlassen müssen, teilweise massive Probleme mit ihren Arbeitgebern.

6) Die durch die Einstellung von hauptberuflichen Kräften entstehenden Personalkosten würden allein die jetzigen Gesamtkosten für den Brandschutz in Rheinland Pfalz bei weitem übersteigen. Bei einer hauptberuflichen Feuerwehrorganisation wie in Großbritannien, ergäben sich ein Personalbedarf von 4000 Feuerwehrbeamten und somit Personalkosten in Höhe von rund 200 Mio.
Somit würden sich nicht nur die Brandtoten, sondern auch die Personalkosten vervierfachen. Durch eine Verlängerung der Einsatzgrundzeit würden nicht nur die Anzahl der Brandtoten, sondern auch der Umfang der Brandschäden zunehmen, ebenfalls würden sich die gefahren für die Einsatzkräfte erhöhen.
Somit wären die Feuerwehren dann nicht mehr in der Lage, wirksame Hilfe zu leisten. Die Einsatzbelastung würde sich auf wenige, zentrale Stützpunkte konzentrieren .
Die freiwillig ehrenamtliche Feuerwehrorganisation in Rheinland Pfalz würde somit durch eine Überbelastung zerschlagen und insbesondere bei der Bewältigung von Großschadenslagen und Katastrophen fehlen.
Sind die freiwillig ehrenamtlichen Strukturen erst einmal zerschlagen, lassen sie sich, wie das Beispiel osteuropäischer Länder zeigt, nicht mehr, oder nur sehr schwer und auch nur örtlich begrenzt wiederbeleben.

Die objektive Betrachtung zur fachlichen Prüfung der Zweckmäßigkeit einer Einsatzgrundzeit von 8 Minuten im abwehrenden Brandschutz kann daher nur zu dem Ergebnis führen:

1) Die Verlängerung der Einsatzgrundzeit führt nicht zu Einsparungen, sondern durch die Einstellung von hauptberuflichem Personal zu erheblichen Mehrkosten.

2) Grundsätzlich sind die Ortsgemeinden nach wie vor als Ausrückebereiche für Brandgefahren zu betrachten.

3) Die Einsatzgrundzeit von 8 min darf nicht verlängert werden.

Quelle:
Hans Peter Plattner
Landesfeuerwehrinspekteur
im Ministerium des Innern und für Sport Rheinland Pfalz
entnommen aus:
Brandhilfe 01 / 2003 Ausgabe Rheinland Pfalz
Rhein Neckar Verlag